Freitag, 29. Januar 2010

Das Zeitalter des Segels

In der zivilen Schifffahrt ist es gar nicht so einfach, zu bestimmen, wann das "Zeitalter des Segels" begann. Sicher ist, dass sobald die Segeltechnik hinreichend weit fortgeschritten ist, auf Handelsschiffen die Ruderer verschwinden. Ein Segelschiff braucht erheblich weniger Besatzung als ein gerudertes Schiff, und außerdem nehmen die Ruderbänke kostbaren Laderaum weg. Im Mittelmeerraum gab es spätestens um 500 vor unserer Zeitrechung reine Segelschiffe. Weder das Handelsreich der Phönikier, noch das klassische Griechenland und erst recht nicht das römische Reich hätte ohne leistungsfähige Segler existieren können, denn diese Kulturen waren von Getreideeinfuhren abhängig, die nur auf geräumigen Schiffen transportiert werden konnten. Im Norden Europas begann das Zeitalter des reinen Segelschiffs spätestens zur Zeit der Völkerwanderung. Im flämischen Brügge wurde 1899 das Wrack eines 15 Meter langen und 3,5 Meter breiten Schiffs mit flachen Boden, geklinkerten Seiten und einem wahrscheinlich rahgetakeltem Mast entdeckt, das auf das 6. bis 7. Jahrhundert datiert werden konnte. Auch das Frachtschiff der Wikingerzeit, die Knorr, der Schiffstyp, mit dem der Nordatlantik überquert wurde, war ein reines Segelschiff.
Das "goldene Zeitalter" der schnellen Tiefwasser-Frachtsegler begann sogar, als es schon längst Dampfschiffe gab. Der erste echte Klipper, die "Rainbow", lief 1845 vom Stapel, als es den regelmäßigen Transatlantikdienst mit Dampfschiffen der Cunard-Linie schon fünf Jahre gab. Noch 1914 fuhren nicht weniger als 2191 Frachtsegler mit insgesamt 426746 BRT unter deutscher Flagge, es gab tatsächlich noch mehr Segelschiffe als Dampfschiffe. Der 1. Weltkrieg gilt gemeinhin als das Ende der Epoche der großen Tiefwassersegler, aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts verschwanden die letzten frachtfahrenden Großsegler von den Meeren. in der Küstenschifffahrt behaupteten sich die oft mit Hilfsmotoren versehenen Schoner, Galeassen, Ewer, Tjalken usw. bis nach lange dem 2. Weltkrieg. Noch heute wird der Verkehr zwischen den unzähligen Inseln Indonesiens zum großen Teil von Frachtseglern bewältigt. Im Zuge der absehbaren Ölverknappung und aus Umweltschutzgründen gewinnen raffinierte Hilfsbesegelungen, wie z. B. die Sky Sails an Bedeutung. Es wird wahrscheinlich in Zukunft auch wieder "echte" große Tiefwassersegler geben. Angesichts großer Passagiergiersegler wie dem 2000 gebauten Fünfmastvollschiff Royal Clipper ist die Behauptung, die Zeit der Segelschiffe sei vorbei, ohnehin fragwürdig.
Einlaufparade09-48
Im Falle der Kriegsschiffe ist das Segelzeitalter genauer umrissen. Solange die bevorzugten Taktiken des Seekriegs das Rammen und der Nahkampf der Entermannschaften waren, war eine Galeere gegenüber einem Segelschiff im Vorteil. Das änderte sich allmählich mit dem Aufkommen der Kanonen: eine große Kriegsgalleone konnte mit ihrer geschützstarrenden Breitseite eine angreifende Galeere aus sicherer Entfernung zu Treibholz zusammenschießen, während die Galeere allenfalls ein paar Kanonen am Bug tragen konnte. Die letzte große Galeerenschlacht, die Seeschlacht von Lepanto im Jahre 1571 gilt daher im marinetraditionsseeligen Großbritannien als Beginn des "Age of Sail".
Das Ende des Zeitalters des Seekrieges unter Segeln markierte der amerikanischen Bürgerkrieg, namentlich die Seeschlacht von Hampton Roads im Jahre 1862, in der das dampfgetriebene Panzerschiff CSS "Virginia" die Nordstaaten-Segelschiffe USS "Cumberland" und USS "Congress" mühelos versenkte - aber es mit dem kleineren, aber technisch raffiniertem Panzerschiff USS "Monitor" nicht aufnehmen konnte - das erste Panzerschiffsduell endete unentschieden.

Montag, 25. Januar 2010

Der Eislauf

Endlich mal wieder ein Winter, in dem ich meine Schlittschuhe nicht nur auf der Kunsteisbahn benutzen kann, sondern auch auf den Teichen und Seen hier in der Umgebung. (Einschließlich Muskelkater, Hinfallen, Durchfrieren - und hinterher (!) einem steifen Grog - so gehört sich das ja auch.) In dem, das erste Mal seit Jahren, die Außenalster so weit zufriert, dass man auf ihr laufen kann - wahrscheinlich wird es dieses Jahr, das erste Mal sein 1997, wieder ein Volksfest auf der zugefrorenen Alster geben!
Der Eislauf
Begraben ist in ewiger Nacht
Der Erfinder großer Name zu oft!
Was ihr Geist grübelnd entdeckt, nutzen wir;
Aber belohnt Ehre sie auch?

Wer nannte dir den kühneren Mann,
Der zuerst am Maste Segel erhob?
Ach, verging selber der Ruhm dessen nicht,
Welcher dem Fuß Flügel erfand?

Und sollte der unsterblich nicht sein,
Der Gesundheit uns und Freuden erfand,
Die das Roß, mutig im Lauf, niemals gab,
Welche der Reihn selber nicht hat?

O Jüngling, der den Wasserkothurn
Zu beseelen weiß und flüchtig tanzt,
Laß der Stadt ihren Kamin! Komm mit mir,
Wo des Kristalls Eb'ne dir winkt!

Sein Licht hat er in Düfte gehüllt.
Wie erhellt des Winters werdender Tag
Sanft den See! Glänzender Reif, Sternen gleich,
Streute die Nacht über ihn aus!

Wie schweigt um uns das weiße Gefild!
Wie ertönt vom jungen Froste die Bahn!
Fern verrät deines Kothurns Schall dich mir,
Wenn du dem Blick, Flüchtling, enteilst.

Wir haben doch zum Schmause genug
Von des Halmes Frucht? und Freuden des Weins?
Winterluft reizt die Begier nach dem Mahl;
Flügel am Fuß reizen sie mehr.

Zur Linken wende du dich, ich will
Zu der Rechten hin halbkreisend mich drehn;
Nimm den Schwung, wie du ihn mich nehmen siehst;
Also! Nun fleuch schnell mir vorbei!

So gehen wir den schlängelnden Gang
An dem langen Ufer schwebend hinab.
Künstle nicht! Stellung, wie die, lieb' ich nicht,
Zeichnet dir auch Preisler nicht nach.

Was horchst du nach der Insel hinauf?
Unerfahrne Läufer tönen dort her!
Huf und Last gingen noch nicht über's Eis,
Netze noch nicht unter ihm fort.

Sonst späht dein Ohr ja alles; vernimm,
Wie der Todeston wehklagt auf der Flut!
O wie tönt's anders! Wie hallt's, wenn der Frost
Meilen hinab spaltet den See;

Zurück! laß nicht die schimmernde Bahn
Dich verführen, weg vom Ufer zu gehen!
Denn wo dort Tiefen sie deckt, strömt's vielleicht,
Sprudeln vielleicht Quellen empor.

Den ungestörten Wogen entströmt,
Dem geheimen Quell entrieselt der Tod!
Glittst du auch leicht, wie dies Laub, ach, dorthin,
Sänkest du doch, Jüngling, und stürbst!
Friedrich Gottlieb Klopstock

Es ist übrigens sehr wahrscheinlich, dass Klopstock ( 1724 - 1803) auch auf der zugefrorenen Alster eislaufen war.

Samstag, 23. Januar 2010

Gedanken zu Protestformen

Einige Überlegungen aus durchaus aktuellem Anlass, aber auf eher grundsätzlicher, ethischer Ebene.
Weniger interessant erscheint mir dabei die ethisch-moralische Frage der "Legalität". Es trifft zwar zu, dass in Dresden und anderswo das Demonstrationsrecht mit Blick auf die "kackbraunen Kameraden" eingeschränkt wurde - z. B. sind bestimmte symbolträchtige Orte jetzt als Kundgebungsort nicht mehr zulässig, und es ist völlig richtig, dass es keine gute Idee ist, Fans einer stramm obrigkeitshörigen Gesellschaftsordnung mit den obrigkeitsstaatlichen Mitteln bekämpfen zu wollen. Im Fall "Dresden" ist die konkrete Situation aber so, dass es im Interesse der Demokratie (die die Neonazis bekämpfen) und der Gewaltabwehr (denn die "Kackbraunen" "argumentieren" lieber mit dem Kantholz als mit Kant) geboten ist, die Demonstrationsfreiheit für eine Gruppierung, von der klar ist, dass ihnen an der Demonstrationfreiheit für andere nichts liegt, einzuschränken. Das geschieht bekanntlich auch anders motivierten Demonstranten, meistens aus entschieden schlechteren Gründen.
Der sächsische Justizminister Jürgen Martens (FDP) sagte in der Landtagsdebatte:
Die Rechtsextremisten wollen nicht trauern, sie wollen nicht gedenken, sie wollen provozieren, hetzen und Geschichtsfälschung unter die Leute bringen.
Und damit hat er völlig recht!

Dann gibt es die bizarre Situation, dass ein Bündnis, das zu einer Sitzblockade gegen die Nazi-Demo aufruft, kriminalisiert wird - wobei auch das Mittel der Zensur eingesetzt wird. (Vollends bizarr ist dann die Reaktion bestimmten "Piraten", die sich, streng legalistisch, an die Vorgabe halten, dass Antifa-Demos sich aufs Lichterkettenwerfen zu beschränken hätten.)

Interessanter ist da die Frage nach dem gewaltlosen Protest. Kleine Erinnerung: in den großen Friedensdemos der 1980er Jahre galten selbst unter "Hardcore-Pazifisten" Sitzblockaden als gewaltfreies Mittel. Die einzigen, die damals von "Nötigung des Staates" redeten, gingen dabei von einem ausgesprochen autoritären Staatsverständnis aus: "Wir bestimmen, und keiner muckt gegen unsere Entscheidungen auf". Noch drastischer war die Situation in der DDR - nach DDR-Rechtsverständnis waren Demonstranten, die sich ohne Gegenwehr wegtragen ließen, Verbrecher. "Keine Gewalt" hieß eben nicht "wir halten uns an alle Vorgaben der Behörden" - in der DDR-Situation wäre das auch offenkundig absurd gewesen.
Irgendwie habe ich den Verdacht, dass im Raum Dresden in vielen Köpfen noch das stramm obrigkeitstaatliche Gesellschaftsverständnis der DDR steckt. Zusammen mit mit der Nazi-Ideologie, die vor allem im "Westen" den Kalten Krieg überwinterte, ist dieser vor allem im "Osten" ziemlich intakt gebliebene "deutsche Autoritarismus" ja auch für die heutigen Neonazis typisch - in den frühen 1990er-Jahren, als die rechtsextremen Strukturen in der ehemaligen DDR entstanden, waren die "geistigen Brandstifter" fast alle "Westimporte", während die Schlägertypen und vor allem auch die "Beifallspender" und "Weggucker" "Einheimische" waren. Aber genug der Abschweifung.

Radikaler Pazifismus erhebt völlige Gewaltlosigkeit zur obersten moralischen Maxime. Auch wenn es unangenehm ist: radikaler Pazifismus (der damals in der Friedensbewegung bei aller Friedfertigkeit nur die Position einer Minderheit war) ist eine moralische Position, die sich praktisch nicht lange einhalten lässt.
Unter normalen Umständen kann die Feder wirklich mächtiger sein als das Schwert. Allerdings wüsste ich nicht, wie man sich mit einer Feder (beziehungsweise mit Worten) gegen eine Horde gewaltgeiler Neonazis wehren könnte.
Es ist leider nun einmal so, dass man zur Verteidigung von Menschenrechten in bestimmten Situationen möglicherweise Gewalt anwenden muss. Wobei eine Sitzblockade gegen Neonazis nicht einmal Gewalt wäre. Selbst Mahatma Gandhi hatte keine Probleme damit, dieses Mittel des passiven Widerstandes einzusetzen.

Was jene, die von "unbedingter Gewaltlosigkeit" und "auf keinen Fall Verbotenes tun" reden, ignorieren, ist, dass einem Freiheiten eben nicht geschenkt werden!

Montag, 18. Januar 2010

"Crushice" auf der Elbe

Während es anderswo schon wieder taute, biss der Winter in Hamburg am Wochenende vom 16. und 17. Januar 2010 mit reichlich Schnee und andauerndem Frost noch einmal zu. Ich machte auf der Fahrt von St. Pauli-Landungsbrücken nach Finkenwerder einige Bilder von der dank Eisbrechereinsatz schiffbaren Elbe.
Eisfahrt01
Ipernity-Album: Eisfahrt.

Der Begriff "Crushice" bekommt so eine Bedeutung fern jedes Cocktails - eher animiert diese Sorte Eis zu Glühwein, Glühmet oder Grog:

"Queen of real life Steampunk" - S.S. GREAT EASTERN

"Steampunk" ist - unter vielem anderem - eine Untergattung der Alternativweltliteratur. Ein zentrales Thema dabei ist dampfgetriebene "High-Tech", die es niemals gab, aber vielleicht hätte geben können: Dampfcomputer, Dampfautos, Dampfflugzeuge, Dampfunterseeboote (wobei Jules Vernes "Nautilus" ja einen Elektroantrieb hatte, was manche moderne Verne-Epigonen übersehen) ja sogar Dampfraumschiffe und Dampfroboter.
Selbstverständlich gehört auch Dampftechnik auf einem Niveau, das jenes der im 19. Jahrhundert realisierte Technik überstieg, zum Steampunk - etwa Dampfschnellzüge, die über 200 km in der Stunden schaffen, oder ebenso gigantische wie bizarre Dampfschiffe.

Die S. S. Great Eastern könnte aus einem Steampunk-Roman stammen - und tatsächlich ist sie, direkt und indirekt, eine Inspirationsquelle dieses Genres.
Das größte Dampfschiff der Welt sollte ursprünglich "Leviathan" heißen, ein nicht unpassender Name für ein Schiff, das die Dimensionen des damals üblichen sprengte.
Die eiserne "Great Eastern" lief 1857 vom Stapel. Sie war über 210 Metern lang und hatte eine Wasserverdrängung von 27400 Tonnen. Antrieb waren, neben der Mitte des 19. Jahrhunderts obligatorischen Hilfsbeseglung (sechs Masten!), zwei (jedenfalls von den Ausmaßen her) gewaltigen Dampfmaschinen, über deren je 4200 PS Leistung aber schon die Ingenieure der großen Schnelldampfer 50 Jahre später nur noch müde lächeln konnten.
Das zentrale Problem der "Great Eastern" war, dass zwar ihre Konzeption ihrer Zeit voraus war, dass es aber viele Dinge, die für ihren wirtschaftlichen Betrieb erforderlich gewesen wäre, einfach noch nicht gab. An und für sich hätte es schon um 1860 Bedarf für ein Schiff für 4000 Passagiere und 6000 Tonnen Ladung geben können - wenn es denn technisch zuverlässig gewesen wäre und es ausreichend dimensionierte Hafenanlagen gegeben hätte. Da diese Rahmenbedingungen fehlten, war das kühne Projekt "Great Eastern" eine Fehlinvestition.
Das Schiff wurde später als Kabelleger eingesetzt - sozusagen eine Einsatznische für sehr große, aber sonst kaum zu gebrauchende Schiffe. Auch das Fehlen passender Häfeneinrichtungen störte bei einem Kabelleger wenig.
Der heute bekannteste Passagier der "Great Eastern" war übrigens Jules Verne.

Ziemlich "steampunkig":
Die Great Eastern, von Isambard Kingdom Brunel und John Scott Russell konstruiert, lief 1857 vom Stapel und war mit 18.915 Bruttoregistertonnen für 50 Jahre das mächtigste Schiff ihrer Zeit.
211 Meter Eisen, angetrieben von Schaufelrädern, Schraube und Segeln.
Die Geschichte der Great Eastern ist eine Geschichte von Schicksal und Niedergang.
Grund genug sie virtuell neu auferstehen zu lassen und über den Weg dorthin zu berichten.
S.S. Great Eastern 3D

Sonntag, 17. Januar 2010

Gott spiegelt das Ich

Es ist in der letzten Jahren Mode geworden, abstrakte metaphysische Phänomene wie Religiosität mit den Methoden der Neurobiologie zu untersuchen - vorzugsweise mit bildgebenden Verfahren wie MRT oder PET. Schon aus dieser Formulierung ist ablesbar, dass ich diesem Ansatz gegenüber deutlich skeptisch bin und ihn für doch arg reduktionistisch halte.
Trotz meiner Skepsis gegenüber derartigen Untersuchungen erscheint mir eine dieser Untersuchungen cum grano salis bemerkenswert. Gläubige projizieren eigene Gedankenwelt auf Gott (wissenschaft-online.de).
Gläubige Menschen übertragen unbewusst ihre eigenen moralischen und ethischen Vorstellungen in den Wertecodex, den sie als von ihrem Gott gegeben betrachten. Diese spätestens seit Feuerbach im Raum stehende These wurde durch eine Studie von Nicholas Epley (University of Chicago) und seinen Kollegen erhärtet.
Die Wissenschaftler befragten ihre überwiegend christlichen Probanden zu Themen wie der Todesstrafe, Abtreibung oder gleichgeschlechtlichen Ehen. Anschließend mussten die Teilnehmer die vermutete Haltung ihres Gottes einschätzen und mit der bekannter Persönlichkeiten (wie George W. Bush, dessen Ansichten allgemein bekannt sein dürften - oder Bill Gates, bei dem man bei solchen Fragen auf Vermutungen angewiesen ist) oder des "Durchschnittsamerikaners" vergleichen. Die Probanden nahmen ihre eigene Meinung als gottesnah wahr. Ähnlich schnitt die Einstufung der Meinung von Personen ab, die ein hohes öffentliches Ansehen genießen.

Mit Gehirnscans (MRT) zeigten die Forscher, dass bei der Einschätzung der Meinung von im Mittel negativer bewerteten Durschnittsamerikanern andere Hirnareale aktiv werden, als bei der Bewertung der eigenen oder der göttlichen Meinung. Betroffen sind dabei vor allem der mittlere präfrontale Kortex, der Precuneus und die Schläfenlappen, wo unter anderem die Meinung Anderer bewertet wird. Die Aktivitätsmuster wichen besonders deutlich ab, wenn die Bewerteten von den Probanden als "ungläubig" eingestuft wurden.
Nach Ansicht der Forscher spielt das Selbst bei der Entstehung des Glaubens eine größere Rolle als bisher angenommen. Ergänzung: als bisher von vielen Neurowissenschaftlern angenommen wurde. Gott wird, das folgern die Wissenschaftler aus ihre Untersuchung, also nicht wie eine andere Person "verarbeitet", sondern ist eine Projektion der eigenen Einstellungen. Die Intuition von "Gottes Willen" scheint das Echo der eigenen Ansichten zu sein.
Der Glaube an die "göttliche Meinung" könne als Verstärker dienen, um die eigene Gedankenwelt zu bestätigen und zu rechtfertigen. Anders ausgedrückt: Gläubige verstärken ihre persönlichen Meinungen mit dem ultimativen Autoritätsargument (Gott) in ihrem Ärmel - und tun dies offensichtlich unbewusst.
Wichtig erscheint mir die Feststellung, dass Epley betont, dass die Studie ausschließlich mit überwiegend christlichen Amerikanern durchgeführt wurde, und sie deshalb nicht automatisch auf alle "Weltreligionen" übertragbar sei. Wobei es interessant ist, was das Chicagoer Team unter "Weltreligionen" versteht. Mich würde z. B. eine Vergleichsuntersuchung mit überzeugten Atheisten mehr interessieren, als etwa mit gläubigen Moslems.
"Menschen benutzen egoistische Informationen, um auf Gottes Wille zu schließen, weil sie annehmen, dass die Meinungen religiöser Wesen wahr sind, und weil jeder Mensch denkt, dass seine Meinung richtig ist", heißt es in der Studie.

Ich teile nicht die Ansicht, dass jeder Mensch denkt, dass seine Meinung richtig sei - jedenfalls nicht immer. Nach meiner subjektiven und durch keine Studien gedeckten Ansicht hegen die meisten Menschen zumindest gelegentlich Selbstzweifel. (Von Ideologen einschließlich religiöser Fundamentalisten, die Selbstzweifel verdrängen, weil sie Zweifel für Verrat halten, und Narzisten, denen die Fähigkeit zur Selbstkritik irgendwie abhanden gekommen ist, vielleicht einmal abgesehen.) Ich vermute, dass Atheisten stärkere und häufiger Selbstzweifel hegen, als stark religiöse Menschen - dass also neben allgemeiner Skepsis auch die Skepsis gegenüber dem eigenen Denken und Fühlen zu Atheismus oder wenigstens Agnostik führt.

Für mich selbst kann ich sagen, dass ich kein Atheist bin (auch wenn das vielleicht das Vernünftigste wäre - nur ein metaphysisches Konstrukt, und das ist die "Vernunft"), sondern mich irgendwo zwischen Pantheismus, Panpsychismus und Polytheismus bewege. (In praktische Dingen eher Polytheismus.) Dabei erscheint es mir wichtig, dass ich durchaus einer anderen Ansicht sein kann, als der eine oder andere Gott. Odin hat ja niemals behauptet, und auch niemand, der ihn kennt, würde von ihm behaupten, er sei jederzeit gerecht. Die Vorstellung, dass jemand zu Loki beten würde"dein Wille geschehe", erscheint mir so absurd, dass ich schon beim Gedanken daran vor Lachen kaum halten kann. Meinungsverschiedenheiten unter Göttern sind in jedem mir bekannten Pantheon an der Tagesordnung.
Ich vermute daher - oder stelle die religionshistorische These auf - dass die Entwicklung des Monotheismus eng mit der Unterdrückung von Zweifeln und der Kanalisierung von Selbstzweifeln zu tun hat. Lese ich z. B. Augustinus "Confessiones"- dieser spätantike Philosoph gilt immerhin als "Kirchenlehrer" - dann fällt mir auf, wie Augustinus mit Selbstzweifel (er hatte übrigens ziemlich viele) umgeht - was dazu führte, dass er sich geradezu verzweifelt an Gott klammerte, und, nachdem er aus dieser Umklammerung Gewissheit geschöpft hat, als typischer Ideologe nicht nur Zweifel, sondern auch und vor allem Zweifler bekämpfte. Der gute Mann muss ein unerträglicher Streithammel und Rechthaber gewesen sein.

Bleibt noch die Feststellung: jede Glaubensgewissheit ist rein subjektiv und allein für den Gläubigen relevant. Relevant ist allein, wie sich ein Mensch gegenüber seiner Umwelt und seinen Mitmenschen verhält. Es muss also niemand darüber besorgt sein, dass ich es mit dem altnordischen Pantheon (unter vielem anderen) habe, Neoschamanismus praktiziere oder ein pragmatisch-praktisches Verhältnis zu dem pflege, was mangels eines besseren Wortes "Magie" genannt wird. Anderseits hat niemand allein deshalb einen Symphathievorschuss, weil er oder sie ähnliche "religiöse" Auffassungen hat wie ich.

Zum Abschluss die Hauptaussagen (ich würde eher sagen: Thesen) die der Feuerbringer aus dem Schwerpunktartikeln der Januarausgabe der "Bild der Wissenschaft" destilliert:

1. Religiosität ist wahrscheinlich ein Nebenprodukt, keine Adaption. Es gibt also kein „Gottes-Gen“.

2. Religiosität hat nichts zu tun mit der höheren Kinderzahl von Anhängern bestimmter Religionen.

3. Es gibt kein Gott-Modul im Kopf, vielmehr ist Religiosität ein mögliches Resultat ganz normaler Hirnfunktionen.

4. Religion hat mit Vernunft nichts zu tun, eher im Gegenteil.

5. Wahnsinn und starke Religiosität haben viel gemeinsam.

6. Die Religiosität einer Gesellschaft hängt stark mit hoher Einkommensungerechtigkeit zusammen. Wahrscheinlich verstärkt Religiosität die Ungerechtigkeit und diese verstärkt wiederum die Religiosität.

7. Auf individueller Ebene führt eine höhere persönliche Unsicherheit und Autoritätsgläubigkeit zu mehr Glauben.

Freitag, 15. Januar 2010

Katharina Rutschky ("Schwarze Pädagogik") ist tot

Es entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie (oder einer Synchronizität), dass am Donnerstag, einen Tag, nachdem ich meinen Artikel über "schwarze und braune Pädagogik" schrieb, Katharina Rutschky, die Frau, den den Begriff "Schwarze Pädagogik" prägte, nach langer Krankheit starb.

Guter Nachruf auf Katharina Rutschky auf BerlinOnline.
Ergänzung: Nachrufe in der digi-taz.


Katharina Rutschky schrieb zwei im besten Sinne aufklärerische Bücher, die vielleicht nicht mein Leben, aber sehr wohl die Art und Weise, wie ich mein Leben sehe, änderten.

Das erste ist natürlich Schwarze Pädagogik. Weil mir klar wurde, dass der "autoritäre Erziehungsstil" und Kinderdressur nicht etwa auf irgend einer dummen Tradition beruhte, sondern gemacht war - und zwar nicht "nur" von machtgeilen Menschenfeinden, sondern leider auch von es durchaus gut meinenden, "aufgeklärten" Männern(!). Ja, es war für mich auch eine Erkenntnis, dass Patriarchat und schwarze Pädagogik zusammen gehörten. Ungeachtet der Tatsache, dass es viele, zu viele weibliche Fans und Propagandistinnen der Erziehung mit Gewalt und Einschüchterung gibt, ist "schwarze Pädagogik" eindeutig frauenfeindlich. Zwei weitere Erkenntnisse, die ich aus diesem Buch zog: Die Katastrophen der jüngeren deutschen Geschichte hätte es ohne das in Deutschland besonders wirksame "Untertanenmachen" nicht geben können. Ohne die "Pioniere" der "schwarzen Pädagogik" wäre das "Untertanenmachen" nicht so leicht möglich gewesen. (Übrigens nicht nur in Deutschland: eine weitere "Hochburg" der "schwarzen Pädagogik" war das Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Es fällt mir nicht schwer, diese üble Tradition in der aktuellen britischen Politik wirken zu sehen.)
Die zweite war die (nicht leichte) Erkenntnis, dass hinter dem "Handausrutschen" meiner Mutter, dem "Kasernenhof-Erziehungstil" meines Großvaters, den unsäglichen kinderfeindlichen "Ratschlägen" und "Praktiken" vieler professioneller Erzieher und Lehrer kein übler Zufall steckte, und auch keine persönliche Bosheit - sondern System. Nicht "böse Einzelfälle", sondern Strukturen. Womit die Einsicht verbunden war, wie sehr mein Denken und Fühlen "schwarzpädagoisch" gefärbt ist - obwohl ich (abgesehen von meinem Großvater und einem sadistischen Lehrer) ja nicht absichtlich im Sinne der schwarzen Pädagogik erzogen wurde. Woraus folgt: es reicht nicht aus, die "schwarze Pädogogik" abzulehnen (wie es ja meine Mutter tat). Notwendig ist aktives Gegensteuern. Ohne bessere Erziehungsalternativen und ohne eine offene, demokratische Gesellschaft als Umgebung kann die "schwarze Pädogogik" nicht überwunden werden.

Das zweite Buch ist Erregte Aufklärung – Kindesmissbrauch: Fakten und Fiktionen

Bevor ich auf dieses Buch stieß, gehörte ich zu jenen, denen zum Thema "Kindesmissbrauch" nichts Besseres als panische Angst angesichts "erschreckender Zahlen" und die Forderung nach unnachsichtiger Strafverfolgung einfiel. Nicht zuletzt dank dieser Streitschrift über den "Missbrauch mit dem Missbrauch" finde ich zwar sexuellen Kindesmissbrauch nach wie vor widerlich, entsetzlich und skandalös - aber hinterfrage seitdem den öffentlichen Umgang mit Inzest, Kindesmisshandlung, sexueller Ausbeutung von Kindern. Ohne diesen Denkanstoß würde ich, allgemein gesprochen, vielleicht "mediale Beißreflexe", und den Ruf nach immer härteren Strafen, und die Mechanismen der Panikmache einfach achselzuckend hinnehmen - wahrscheinlich mit dem Spruch "Ist zwar übel, aber der Zweck heiligt die Mittel". Ich verdanke es unter anderem Rutschky, dass mir klar ist, dass es die Mittel sind, die den Zweck verraten (neben Alice Miller, Michel Foucault und einigen echten Freunden).
Seltsamerweise war es dieses Buch, das Rutschky den Vorwurf des "Antifeminismus" eintrug. Seltsamerweise, denn sie kritisierte ja nicht "den Feminismus", sondern z. B. Feministinnen mit arg ideologisch verkürzter Wahrnehmung, die glatt mit ausgewiesenen Frauenfeinden (ultra-konservativen Christen, oft fundamentalistischer Bauart, fast immer mit Familienbild von vorgestern) Zweckbündnisse eingehen.

Gute Reise, Katharina - und danke!

Mittwoch, 13. Januar 2010

Tradierte schwarze (und braune) Pädagogik

Schwarze Pädagogik - also Gewalt und Einschüchterung als Erziehungsmethoden, Abrichten des Kindes auf gesellschaftlich definierte Funktionen als Erziehungsziel - gilt als mehr oder weniger als Relikt aus einer finsteren Vergangenheit.

Allerdings ist diese Vergangenheit, selbst wenn hier und heute die "Schwarze Pädägogik" überwunden sein sollte (was sie tatsächlich nicht ist), weiterhin präsent, einfach dadurch, dass sehr viele Menschen in ihrer Kindheit "schwarzer" oder wenigstens "grauer" Pädagogik ausgesetzt waren - und, auch wenn sie es nicht bewusst wollen, auch ihre Kinder wieder mit Gewalt und Einschüchterung erziehen. Eltern, die als Kind geschlagen wurden, schlagen ihre Kinder. Das kann ich für mich selbst mit Sicherheit sagen: meine Mutter wurde als Kind sehr "autoritär" und sehr brutal erzogen - buchstäblich mit dem Lederriemen. Sie fand das schlimm, und versuchte, ihre Kinder anders zu erziehen. Aber obwohl sie es eigentlich nicht wollte, erzog sie mich und meiner Bruder mit einer Brutalität, die auch damals, als es noch hieß, ein "Klapps" hätte noch niemandem geschadet, schon das "übliche Maß" weit überschritten - einfach, weil sie es nicht anders kannte, und in Stresssituationen (und Kindererziehung ist Stress!) hilflos auf die gewaltsamen und einschüchternden Methoden zurückgriff, die sie verinnerlicht hatte. Natürlich hat sie uns, anders als ihr Vater es ihr antat, nicht systematisch gequält, aber ihr "rutschte" auffällig oft "die Hand aus" . (Nebenbei habe ich auch den Kasernenhof-Schleifer-Erziehungsstil meines Großvaters kennenlernen "dürfen" - so viel er sich auch darum bemühte, ein "lieber Opi" zu sein. Allerdings war ich auch ein Junge, was in seiner Macho-Weltsicht enorm wichtig war: Jungen mussten zwar "hart" und diszipliniert sein, aber durften sich ruhig mal dreckig machen und man durfte sie auch mal verwöhnen, solange sie brav waren. Prügeleien unter Jungs wurden von "Opi", der sonst der Inbegriff der Intoleranz war, bei mir und meinem Bruder nicht nur geduldet, sondern wir wurden ausdrücklich dazu ermutigt - einschließlich unfairer Mittel. ("... und dann nimmst du dir einen großen Knüppel ..." - solche "Ratschläge" bekam wir regelmäßig, wenn kein anderer, vor allem nicht mein Vater, der seinen Schwiegervater schon mal einen "autoritären Sack" und "alten Nazi" nannte, zuhörte. Hätten ich oder mein Bruder als "Halbstarke" (so nannte er gewaltgeneigte Teenager) zur Baseballkeule gegriffen und "Kanaker" "geklatscht", Opi hätte wahrscheinlich "viel Verständnis" für unsere Untaten gehabt.) Mädchen hatten hingegen zu kuschen und keine Ansprüche zu stellen - und dürften sich auch nicht wehren, selbst wenn sie sich wirklich verteidigten. Er behandelte noch seine Enkel und Enkelinnen sehr unterschiedlich. Wie schlimm das bei seinen Kindern gewesen sein muss, wage ich mir kaum vorzustellen.)

Es gab und gibt aber auch eine andere Schiene, auf der "Schwarze Pädagogik" tradiert wurde - und zwar über Bücher zur Kindererziehung. Oft in bester Absicht, und oft durch Experten, denen man es nicht zutrauen würde. Der Kinderarzt Dr. Benjamin Spock war Humanist und Pazifist, liberal und tolerant, und strebte als einer der ersten danach, Erkenntnisse der Psychoanalyse in die Kindererziehung einfließen zu lassen. Dennoch finden sich zumindest in den älteren Auflagen seines auch in Deutschland weit verbreiteten Bestsellers "The Common Sense Book of Baby and Child Care " (deutsch schlicht "Säuglings- und Kinderpflege") Ratschläge, die mich an eine Art Raubtierdressur erinnern. Dr. Spock vertrat z. B. die konventionelle Ansicht, dass Kinder auf keinen Fall in das Bett ihrer Eltern gehören. Schon ab drei Monaten müsse man die Kinder zum einsamen Schlafen in einen eigenen Raum erziehen - was nicht auf Gegenliebe der Kinder stößt. Um die konsequente Schlafplatztrennung auch bei schon lauffähigen Kindern zu erreichen, schlug der gute Doktor allen Ernstes vor, in hartnäckigen Fällen unter munteren Sprüchen ein Netz über das Kinderbett zu spannen, um den kleine Insassen am Entweichen zu hindern. In neueren Auflagen ist das nicht mehr zu finden, aber Ratschläge wie die Kinderzimmertür zuzubinden und vor allem, das Kind konsequent, kommentarlos und sofort jedesmal zurrückzubringen, wenn es im elterlichen Schlafzimmer ankäme, findet man auch in aktuelleren Ausgaben - und nicht nur bei Dr. Spock.
Dabei war Dr. Bejamin Spock alles andere als ein Vertreter der "Schwarzen Pädagogik" - er ermutigte Eltern, bei der Kindererziehung ihrem gesunden Menschenverstand zu vertrauen: Schreiende Kinder haben Hunger, weinende sollten hochgenommen und geherzt werden - was 1946, als die erste Auflage des Buches erschien, noch längst keine Selbstverständlichkeit war. Ich weiß z. B., dass eine Erziehungsberaterin meiner Mutter riet, meinen (damals) kleinen Bruder, wenn er schrie (er schrie oft und laut) ruhig schreien zu lassen, bis er aufgäbe, und gegebenfalls einfach das Kinderbett in die Küche zu schieben und die Tür zuzumachen. Schreien kräftige außerdem die Lungen. Was solche Ratschläge bei einer verunsicherten Mutter, die aus ihrer tiefen Verunsicherung heraus sowieso dazu neigte, zu brutalen Erziehungsmethoden zu greifen, bewirkten, bezeichnet sogar meine Mutter heute als Kindesmisshandlung.

Da mir die Probleme, die von Erziehungsratgebern - auch gut gemeinten - ausgehen können, also sehr bewusst sind, versetzte mich dieser Artikel, den ich auf "haGalil" fand, in blankes Entsetzen: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr Kind. Es ist die Rezension des Buches Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind: Über zwei NS-Erziehungsbücher von der Sozialpädagogin und Supervisorin Sigried Chamberlain.
Sie untersucht in diesem Buch die Säuglingspflegebücher "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" - welches nach dem 2. Weltkrieg unter dem leicht geänderten Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind" bis 1987 (!) wieder erschien - und "Unsere kleinen Kinder" von Dr. med. Johanna Haarer.
Johanna Haarer wurde in Nazi-Deutschland auf dem Gebiet der Säuglingspflege und Kleinkindererziehung zur maßgebenden Autorität. Ein guter Ruf, der nach 1945 beinahe ungebrochen nachwirkte.
Haarer vermittelte den jungen Müttern in ihren Erziehungsbüchern, Kinder seien u.a. gierig, faul, gefräßig, zerstörerisch, unsauber, sie wollen die Erwachsenen tyrannisieren, ihre Aufmerksamkeit erzwingen - anders gesagt: wer Kinder gegenüber nachgibt, hätte schon verloren, und der Wille der Kinder müsse gebrochen werden. "Schwarze Pädagogik" pur - allerdings sprachlich geschickt verpackt, scheinbar ganz um das Wohl der Mutter und das Gedeihen des Kindes besorgt. Dr. Spocks "Käfig"-Methoden wirken gegen solche Ratschläge tatsächlich human (es geht hier um 6. Monate alte Babys):
"Vermeiden wir auch in diesem Alter das lästige und mühsame Herumtragen und Herumschleppen des Kindes. Es ist in dieser Altersstufe (…) ebenso wie in den früheren aus verschiedenen Gründen unzweckmäßig. Das Kind gewöhnt sich an die ständige Nähe und Fürsorge eines Erwachsenen und gibt bald keine Ruhe mehr, wenn es nicht Gesellschaft hat und beachtet wird. Es sitzt zuviel auf dem Arm der Mutter und kriecht und krabbelt zu wenig."(5. 32).
Eine ähnliche Auffassung mag hinter dem Rat der "Erziehungsfachfrau" gestanden haben, die meiner Mutter riet: "Einfach schreien lassen, bis er aufgibt".
Alle relevanten Gebiete von Haarers Anweisungsbuch, von der Ernährung und Pflege des Babys über den körperlich und sprachlich getragenen Kontakt bis hin zur Sauberkeitserziehung, durchzöge das Bestreben, alles unnachgiebig zu bekämpfen, was nach Trotz und Eigenwillen aussehe.

Aber Dr. Haarer Erziehung geht über die leider damals weit verbreitete "schwarze Pädagogik" hinaus:
Es gab kein Spielen und "Bummeln" beim Baden, Wickeln, Füttern, kein "Trödeln" an der Brust. Das Kind wurde in einem ständigen Spannungszustand gehalten. Es fehlten ihm Muße und Experimentiermöglichkeiten. Das sich-beschäftigen mit dem Baby oder Kleinkind wurde als "Tändeln" abgewertet. Ein zwangloses sich-beschäftigen mit dem Baby ist jedoch für den Aufbau einer gesunden Beziehung notwendig.

Die Regeln, die Haarer für das Stillen und Füttern aufstellte, sind bestens dazu geeignet, die bereits durch die 24-stündige Trennung von Mutter und Baby vor der ersten Mahlzeit bestehenden Probleme zu vermehren: Es wurden strenge Zeiten für das Stillen bzw. die Flaschenfütterung vorgegeben. Eine Brustmahlzeit dürfe nicht länger als 20 Minuten dauern, eine Flaschenmahlzeit 10 Minuten. Ab einem halben Jahr wird jede Fütterung sofort abgebrochen, wenn das Kind Schwierigkeiten irgendeiner Art macht. Hunger sei der beste Koch.
Nach Haarer sei das Kind bei "Maulen" mit einem "augenblicklichen Klaps" zu bestrafen. Sie spricht von Befehl und Gehorsam.
Alles in allem: Ein Programm zum Heranzüchten eines autoritären, pedantischen, unsicheren und sich selbst verleugnenden Charakters. Mehr noch: schon in den 1920-er Jahren war bekannt, dass solche strengen Pflegeregeln einer harmonischen Mutter-Kind-Beziehung abträglich waren.
Für eine Ideologie wie die des NS, in dem "Schwächlinge" keine Daseinsberechtigung hatten, der einzelne "nichts" und das Volk "alles" sei, unbedingter Gehorsam bis in den Tod als "Ehre" und selbstständiges Denken als "Zersetzend" galten, war so ein Programm tatsächlich maßgeschneidert. Haarers Pädagogik ist sowohl "schwarze" wie "braune" Pädagogik. Chamberlain arbeitet in ihrem Buch heraus, wie sehr trotz mancher Überschneidungen die nationalsozialistische Erziehung von sonstiger autoritärer Erziehung verschieden war. Damit von jener gesprochen werden kann, muss
(...) noch ein Aspekt hinzukommen: Es ist der, dass eine nationalsozialistische Erziehung immer auch eine Erziehung durch Bindungslosigkeit zu Bindungsunfähigkeit ist. Dieses halte ich für entscheidend, und es ist bisher weitgehend unbeachtet geblieben (S. 11).
Die erste positive Gemeinschaftserfahrung, die erste Erfahrung von Anerkennung, machte ein streng nach Haarer erzogenes Kind nicht in der Familie, wahrscheinlich auch nicht (wenn vorhanden) im nach ihren oder ähnlichen Grundsätzen geführten Kindergarten, sondern bei der Hitlerjugend. Die dann - programmgemäß - für viele damalige Kinder zur Ersatzfamilie, der sie jederzeit loyal waren, wurde. Aber persönliche Bindungen, echte Freundschaften oder gar Einfühlungsvermögen in Andere und Verständnis für Fremde waren ausdrücklich unerwünscht. Die Liebe hat allein dem "Führerwillen" und der "Volksgemeinschaft" zu gelten.
Es ist auch kein Zufall, dass Dr. Haarers Bücher Bestseller wurden. Der Initiator der genannten Bücher war der deutschvölkische, später nationalsozialistische, Verleger Julius F. Lehmann, ein Propagandist eines sozialdarwinistischen Weltbildes, der "geeignete" Autoren in seinem Sinne förderte und sie für seine politischen Ziele einspannte. In der Tat lieferten er und Frau Dr. Haarer die frühpädägogische praktische Anleitung zu Adolf Hitlers Vorstellungen von Kinderzurichtung. Ein Beitrag zur "Erziehung zum Tod" - zur erotisch besetzten Lust am Töten und zum buchstäblichen Lebensziel, für das "Vaterland" ehrenhaft getötet zu werden.

Welche Schäden diese braune Pädagogik bei den damaligen Kindern und bei deren Kindern anrichteten - und indirekt noch immer anrichten - dürfte kaum zu ermessen sein.
Wieso die schwarz-braunen Kinderdressuranleitungen Haarers auch nach 1945 wieder aufgelegt wurden, ist leicht zu erraten. Einerseits liegt das an der oberflächlichen Auseinandersetzung mit der Naziideologie in der jungen Bundesrepublik - wo nicht gerade offen vom Führer geschwärmt und gegen Juden gehetzt wurde, das wurde gerne verharmlost. Ein anderer Grund liegt darin, dass "schwarze Pädagogik" noch weitgehend anerkannt war - und damit auch Haarers NS-Pädägogik als bloßer "konservativer Erziehungsstil" durchging. Ein dritter Grund mag gewesen sein, dass sogar manche der Ratschläge des als liberal und fortschrittlich bekannten Dr. Spock (und seine zahlreichen Nachahmer und Nachfolger) denen der Nazipädogogin und wahrscheinlichen Kinderhasserin Dr. med. Johanna Haarer oberflächlich gesehen ziemlich ähnelten. So, wie das pädagogische Prinzip "Grenzen setzen" dem "schwarzpädagogischen" Prinzip "Kinder mit ´nem Willen kriegen was hinter die Brillen" oberflächlich gesehen ähnelt.

Das Schlimmste an der viel geschmähten "antiautoritären Erziehung" der nicht nur von Konservativen gern gebashten "'68er" war, bei allen Fehler, die sie zweifellos hatte, der, dass sie so wenig Anhänger fand - und allzu schnell als "gescheitert" zugungsten von Auslese, Disziplin und einer "Schluss mit Lustig" - Leistungsideologie schon im Kindergartenalter verbannt wurde. Während Haarers Bücher weiterhin, bis 1987 aufgelegt, Gift in die Seelen kleiner Kinder träufelten.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Geheimauftrag MARIA STUART...
Krisenfall Meuterei Der dritte Roman der Reihe "Geheimauftrag...
MMarheinecke - 9. Apr, 19:42
Urlaubs-... Bräune
Das "Coppertone Girl", Symbol der Sonnenkosmetik-Marke...
MMarheinecke - 1. Aug, 08:34
Geheimauftrag MARIA STUART...
Ahoi, gerade frisch mit dem Postschiff eingetoffen. Der...
MMarheinecke - 26. Mär, 06:48
Kleine Korrektur. Man...
Kleine Korrektur. Man kann/sollte versuchen die Brille...
creezy - 11. Nov, 11:29
strukturell antisemitisch
Inhaltlich stimme ich Deinem Text zwar zu, aber den...
dummerle - 5. Jun, 11:12

Suche

 

Status

Online seit 7399 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Jul, 02:01

Credits


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte
Geschichte der Technik
Hartz IV
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wirtschaft
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
development